Das andere Mikrodosing: WE-MD

Das MD (Mikrodosing) bietet zahlreiche Vorteile und stellt für viele einen sehr gut geeigneten Einstieg in die praktische Arbeit mit Iboga dar (Ich selbst habe mit einer FF begonnen und mich dann langsam zum MD "heruntergearbeitet"). Dem stehen jedoch auch einige Nachteile gegenüber:

Der wichtigste aus meiner Sicht: Das Set und Setting fehlt (Wem diese Begriffe noch nicht vertraut sind: siehe Archiv). In aller Kürze: Unter Set versteht man die (vor allem innere, d.h. mentale und psychische) Vorbereitung des Probanden, unter Setting die Gestaltung der Umgebung in der man sich nach Einnahme einer bestimmten Substanz aufhalten wird. Beides hat enormen Einfluß auf das Erlebnis. Während das Setting gerade im Hochdosisbereich (Half-Flood und Full-Flood) auch wesentlich sicherheitstechnische Aspekte umfasst, gehören auch subtilere Dinge wie ein allgemein störungsfreies Umfeld und eine reizarme Umgebung dazu. Unter Ibogain werden die Sinne sehr stark geschärft, bereits kleinste optische oder akustische Reize, z.T. auch unscheinbare Dinge wie Luftzug oder Düfte, können hilfreich oder massiv irritierend sein. Nun ist es beim täglichen MD so: Am Morgen eingenommen, hat man den Tagesverlauf im Regelfall nicht unter Kontrolle - und damit das Setting. Bei abendlicher Einnahme sieht es da schon besser aus, allerdings beschränkt sich der Effekt dann häufig auf luzideres Träumen. Das ist an sich nicht schlecht, aber es ist doch deutlich Luft nach oben. Auch das schönste Set kann durch einen suboptimalen Tagesverlauf dahin sein. Da hat man dann am Vortag/Vorabend mediziert, gut geschlafen, ein hilfreiches Morgenritual durchgeführt und der Tag nimmt einen völlig anderen, sprich ungünstigen Verlauf. Das fängt im Berufsverkehr an, umfasst Stress in der Arbeit oder mit Familienmitgliedern und/oder Kollegen, Nachrichten und Mails die auf uns einprasseln - kurz: Viele Dinge die wir nicht unter Kontrolle haben. So kann es sein dass wir nicht nur nicht von Set und Setting profitieren, sondern sich beides sogar gegen uns wendet. Es kann auch seine Reize haben, den Widrigkeiten des Alltags unter Iboga zu begegnen und zu erspüren, ob und wie sich der eigene Umgang damit verändert. Dennoch: Viele Anwender spüren wie ihr Inneres während dem MD anfängt zu arbeiten, wie Themen und Emotionen klarer und bewußt werden - und wie sie gleichzeitig aufgrund der Limitierungen des klassischen MD nicht oder nur sehr langsam mit diesen Dingen vorwärts kommen, produktiv damit arbeiten können. Gleichzeitig ist der Schritt in Richtung einer HF oder sogar FF natürlich kein kleiner, und auf vielen Ebenen - sei es finanziell, organisatorisch, medizinisch, entsprechende Begleitung, etc. - bestehen nicht unwesentliche Hürden.

Ein weiterer Nachteil sind die Störfaktoren, denen das Iboga im Alltag ausgesetzt ist. Hierzu zählen subtile psychoaktive Substanzen wie Koffein, Teein, Nikotin - aber auch diverse Medikamente, die sich nicht einfach mal so über einen längeren Zeitraum absetzen lassen. Temporär für 3-7 Tage im Rahmen einer HF oder FF kann das gehen, aber über Wochen oder gar Monate wird es schnell schwierig. Dabei ist jetzt noch nicht einmal die Rede vom Mischkonsum mit veritablen weiteren PAS (v.a. Opioiden, Kokain, Meth, LSD, THC und so weiter) - den sollte man prinzipiell bleiben lassen. Zu den kritischen Medikamenten zählen dabei nicht nur die bekannten Antidepressiva und diverse Neuroleptika. Auch Blutdrucksenker und generell alle Mittel die den Herzrhythmus verändern können (und davon gibt es erschreckend viele) stellen ein potentielles Problem dar.

Ebenfalls im Sinne von Safety-First besteht zwar häufig durchaus der Bedarf nach höheren Dosen Iboga, diese sind jedoch je nach individueller Konstitution nicht unbedingt mit den Anforderungen des Alltags vereinbar - Stichwort Verkehrstüchtigkeit.

Fassen wir also zusammen. Nachteile des klassischen MD umfassen

- Set und Setting

- Störfaktoren auf biochemischer Ebene

- Limitierung der Dosissteigeurng

Gleichzeitig ist der Ausweg einer HF/FF für viele, aus welchen Gründen auch immer, (noch) keine Option. Diese Überlegungen haben mich zu einem Konzept geführt, das ich als WE-MD bezeichne, wobei WE-MD für "Wochenend-Mikrodosing" steht. Idee dabei: Alle beschriebenen Nachteile des klassischen MD überwinden, ohne gleich in Richtung HF/FF zu gehen.

Betrachten wir einmal die klassischen Dosierungsbereiche im MD:

Die angegebenen Zahlen beziehen sich dabei auf die eingenommene Einzeldosis, die Berechnung erfolgte beispielhaft anhand einer 70kg schweren Person und mit Wurzelextrakt (6% Ibogaingehalt).


Beim WE-MD würden sich die Dosierungen wie folgt erhöhen:









Sprich, wir operieren mit ca. 15 bis maximal 25 Prozent einer Half-Flood. Vorteil: Die klassischen Nebenwirkungen aus dem Hochdosisbereich (v.a. neurologisch, aber auch kreislauftechnisch) sind nicht zu erwarten, die Benefits liegen allerdings deutlich über dem von klassischem MD. Nehmen wir einmal folgendes Beispiel: Eine Person, 60kg, hat bisher mit 1 Kapsel Wurzelextrakt/Tag gearbeitet. Das entspricht handelsüblich 300mg Extrakt und damit 18mg Ibogain. Nach obiger Formel wäre der Einstieg ins WE-MD mit 40mg/kg eine Einzeldosis von 2400mg Extrakt (entspricht 8 Kapseln oder 144mg Ibogain). Um das gleich vorwegzunehmen: In diesem Bereich wird am Tag der Einnahme so einiges mehr passieren als vorher - aber am nächsten Tag ist alles vorüber, Nachwehen Fehlanzeige. Ich kann mich also praktischerweise auf einen Tag Vorbereitung und einen Tag Einnahme konzentrieren. Mein bevorzugtes Modell: Freitags vorbereiten, Samstags genießen, Sonntag das Ganze nachwirken lassen. Als erstes mache ich mir über Set und Setting Gedanken. Je nach beruflicher und familiärer Situation kann sich daraus eine Verschiebung auf Samstag/Sonnntag ergeben, aber der Reihe nach.

Set: Ich möchte mich physisch und psychisch auf das Ibogain vorbereiten. Physisch bedeutet dies:

- Am Vorbereitungstag leichte Kost, ab Mittag optimalerweise fasten.

- Keine körperlich stark anspruchsvollen Festivitäten. Leichter Sport - gern. Halbmarathon - nein.

- Früh schlafen gehen, dafür am Iboga-Tag lieber früh aufstehen und den Tagesanbruch nutzen

- Keine Stimulantien. Kein Kaffee, kein Alkohol, kein gar nix.

Psychische und mentale Vorbereitung ist aber für mich noch viel wichtiger.

Gedankenhygiene Teil 1: Spätestens am Nachmittag des Vorbereitungstags klinke ich mich aus dem permanenten Kommunikations- und Informationsstrom aus. Soziale Medien auf Null, Nachrichten, Mails etc. ignorieren - das Smartphone und Tablet am besten auf Flugmodus schalten und den Computer gar nicht erst anmachen. Telefonate nur nach draußen, keine Gespräche mehr annehmen - man weiß ja nie was kommt. Spätestens ab dem Abend werden alle Kommunikationsstränge gekappt, inklusive Festnetz. Haustürklingel auf stumm schalten.

Gedankenhygiene Teil 2: Nachdem ich meinen Geist erfolgreich von externen Einflüssen abgenabelt habe, möchte ich mich jetzt aktiv vorbereiten. Gute Lektüre, angenehme und entspannende Musik oder ein schöner Film sind jetzt genau das richtige (all diese Dinge sollten nicht emotionalisieren!). Meditation, Spazierengehen - noch besser. Ich habe mittlerweile das Reinigen und Dekorieren meiner Wohung für den Iboga-Tag als medidative Tätigkeit für mich entdeckt. Verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen. Empfehlenswert (Geschmäcker sind verschieden, aber das hier ist ja mein WE-MD):

Mentale Ausrichtung: Ich habe es aufgegeben mir für den Iboga-Tag irgendwelche spezifischen Themen vorzunehmen. Iboga weiß viel besser welche Zwiebelschale aktuell ist als ich. Da ist Unverkrampftheit gefragt. Aktive mentale Ausrichtung betreibe ich im Allgemein positiven Sinn. Ich rekapituliere die Guten und Schönen Dinge in meinem Leben. Ich denke an liebe Menschen. Ich schwelge in Träumen und Hoffnungen. Bete. Das hier ist Iboga und nicht NLP und ich bin ein Zwiebelritter.

Und dann geh ich früh schlafen.


Setting: Gerade am Anfang gibt es hier großen Lernbedarf, der Teufel steckt im Detail und unverhofft kommt oft. Hatte ich die Haustürklingel schon erwähnt? Gerade Samstags geistern ja noch Gestalten in Gelb herum und wollen Pakete loswerden... Telefon etc. habe ich ja schon erfolgreich verbannt. Nun hat nicht jeder das Glück am Ortstrand im Grünen zu wohnen. Verkehrslärm kann sehr störend sein wenn die Sinne durch Iboga geschärft sind. ANC-Kopfhörer sind ein Segen und heute eines der wenigen erlaubten technischen Gadgets. Die blenden nicht nur ungewolltes aus, sondern transportieren Gewolltes (z.B. meditativen Sound, gesprochende Meditationen oder Gebete, etc) auch direkt dahin wo heute die Action ist: In den Kopf. Die intensive Phase des WE-MD wird bei mir 2-4h dauern. Lange genug um Durst oder ein leichtes Zuckerverlangen zu bekommen (zumal wenn man brav gefastet hat). Säfte oder gezuckerte Tees arbeiten beides ab und stehen vernünftigerweise zur Tatzeit neben meiner Couch bereit. Optimalerweise ist das Haus leer, bzw. etwaige Mitbewohner wissen es ist Iboga-Tag und das "Nicht-stören"-Schild am Tatortzimmer ist ernst gemeint.

Showtime. Am Iboga-Tag früh aus den Federn. Optimalerweise Sonnaufgang mitnehmen. Totales Fasten. Früchtee als höchstes der Gefühle. Ich richte es mir gemütlich ein. Kissen, Decken, alles sollte maximal gemütlich sein. Das Zimmer wird gedimmt, Duftlampen angeworfen, Zugluftquellen abgestellt. Playlist checken. Dann in einer Art rituellen Handlung das Iboga abwiegen (Ich verwende nur noch TA oder HCl) und dem oralen Konsum zuführen. Ich mag Bitterstoffe, aber Iboga schlägt für mich trotzdem dem Faß den Boden aus. Deswegen wird das Ganze mit etwas DMSO angerührt, mit kaltem Tee verdünnt und dann mit einem erwartungsfrohem Schluck genossen. Mit DMOS-TA dauerts dank Fasten 30 Minuten bis die Wirkung einsetzt. Sind mal nur Wurzelextraktkapseln im Haus kann sich das Ganze auch mal 2h hinziehen. Aber ich habe ja Zeit, es ist Iboga-Tag. Meistens stellt sich als erstes eine gewisse Gelöhstheit ein. Ich lasse los, setze mich gerne noch etwas raus auf die Terrasse und hör den Vögeln zu. Manchmal auch noch ein kurzer Spaziergang. Dann setzt Iboga langsam aber sicher richtig ein. Der Gedankenstrom beginnt. Etwas schwer zu beschreiben. Es ist bei weitem nicht das oneirogene Erlebnis wie bei einer meiner gliebten HF oder FF. Man erwarte keine Visionen oder Tagträume. Aber Gedanken kommen und gehen. Neue Perspektiven auf Altbekanntes sind dabei. Ich kann mich einklinken oder nicht, Iboga breitet das Buffet aus und ich greife zu wo ich das Gefühl habe "Ja". Die Gelöstheit weicht klaren Emotionen. Als langjährigem Zwiebelritter meistens nur noch positiven. Das war am Anfang anderst. Da war auch immer wieder vieles dabei, naja, wie soll man sagen... Weinen kann heilsam sein. Der Iboga-Zug fährt ohne Halt weiter. Manches möchte ich auf keinen Fall vergessen, deswegen mache ich mir auch immer mal wieder Notizen. Das mit dem Gedankenstrom ist ernst gemeint. Muss ich dochmal aufstehen kann es durchaus passieren dass ich mich an anderer Stelle der Wohnung wiederfinde und mir partout nicht einfallen will warum ich da eigentlich hingegangen bin. Nach einigen Stunden lässt der Gedankenstrom nach, die Emotionen flachen ebenfalls ab. Oft nutze ich diesen Moment um erlebtes nun aktiv mit Personen zu teilen. Das kann heißen sich zu entschuldigen, oder aber anderen etwas Liebes zu sagen was sie schon lange verdient hätten zu hören. Das kann im "negativen" Sinn auch bedeuten das man sich von Situationen, Beziehungen oder Verbindungen im weitesten Sinn löst. Auch mal klare Ansagen notiert oder weitergibt. Die Diagnose ist der erste Schritt zur Heilung, aber noch nicht die Therapie. Doc Iboga hat gesprochen, jetzt muss man sich um die nächsten Schritte wieder selber kümmern. Die ein oder andere Nachricht oder Mail tippen, vielleicht auch direkt telefonieren. Den Tag lasse ich entspannt ausklingen, meistens mit einem guten Buch oder einem Film mit "guten" Vibes. Schlafen, das weiß der Zwiebelritter, ist nach forciertem Iboga-Konsum nicht immer einfach. 5-HTP, GABApentin oder Baclofen können hier helfen. Für was hat man schließlich eine Hausapotheke. Luzide kann aber muss es nicht werden.

Sonntag. The day after. Alles ist gut. Fühlt sich an wie nach einem seelisch-mentalen Frühjahrsputz. Zeit wieder mit der Umwelt in Kontakt zu treten. Raus an die frische Luft, liebe Menschen treffen. Und den Hunger mit richtig gutem Essen stillen. Die ganze Fasterei und das Iboga haben die Speicher etwas gelehrt. Auffüllen, der nächste Montag kommt bestimmt.


So. Fazit: Für mich, der ich aus dem Hochdosisbereich komme war MD immer schon etwas "schwierig". Auch erachte ich Set und Setting als enorm hilfreich. Wer jetzt also das Gefühl hat, das mit MD bereits vieles am Arbeiten ist und eine Schippe mehr gut täte - kann ja mal über das WE-MD meditieren. Ich habe es als deutlich produktiver erfahren als das klassische MD. Selbiges gilt übrigens für Personen, die bereits die üblichen Dosierungen des MD ausgereizt haben ohne spürbaren Effekt. Das WE-MD ist leichter umsetzbar als eine HF, die ja nach orthodoxem Verständnis der nächste Schritt wäre. Und, so sehr ich sie liebe - eine FF ist einfach eine ganz andere Hausnummer und hat völlig andere Voraussetzungen, auf allen Ebenen. Im Prinzip gilt das auch schon für die HF.


In diesem Sinne allen eine gute Reise,


LG, Doc F.